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HOFFNUNG

ist eine Oase

im Herzen,

die von der

Karawane

des Denkens

nie

erreicht wird.

Kahlil Gibran

 

 

Nur ein Stück konnten wir den Weg des Lebens gemeinsam gehen:

Verhallt sind Worte, die uns bewegten. Verwehrt sind Blicke, die uns beschenkten. Verflogen sind Gedanken, die uns bereicherten. Vergangen sind Zärtlichkeiten, die uns beglückten.  Verflossen sind Träume, die uns bezauberten.

Und doch schimmert durch alle Schleier der Trauer ein Licht der  Hoffnung:  Wir werden uns wieder nahe sein, zeitlos und glückselig.

Peter Friebe

 

 

T RÄNEN

R atlosigkeit

A ndenken

U nglauben

E ngelsuche

R uhelosigkeit

 

 
 
 
 
 
 

22.Dezember 2002     0.50 Uhr

Ein ausgelöschtes Leben

Das Weihnachtsfest war schon gut vorbereitet und wir fühlten uns alle recht gut. Der 21.12.2002 war für uns ein normaler Samstagabend. Sandras Oma war da, wie jedes Jahr kurz vor Weihnachten. Wir hatten gemeinsam zu Abend gegessen, mit Sandra noch gescherzt. Sie machte sich hübsch, freute sich auf den Abend und das Ausschlafen am nächsten Morgen. Kurz vor 21.00 Uhr verabschiedete sie sich fröhlich von uns.

Ein letztes Mal - wir sahen sie nie wieder.

22.12.2002

Ich ging gegen 0.30 Uhr zu Bett, Frank etwas später. Bis heute ist das für mich unbegreiflich, dass wir nichts gespürt haben. Als Sandra starb schlief ich!

Frühmorgens 4.00 Uhr stürzte Robert in unser Schlafzimmer, knallte den Lichtschalter an und rief völlig aufgelöst: "Papa du musst aufstehen, in der Stadt ist ein schwerer Unfall passiert! Tim ist tot!"

(Später erklärte er uns, dass, als er kurz vor 4.00 Uhr heimkam, Sandras Telefon schellte. Tims Papa war am Apparat und wollte wissen, ob Tim bei Sandra sei . Robert versuchte dann Sandra auf dem Handy zu erreichen. Danach rief er Tims Eltern wieder an. In diesen wenigen Minuten hatten sie gerade die Nachricht vom Tod ihres Kindes bekommen. Tims Mama wusste nicht was mit Sandra war - darüber hatte sie keine Auskunft bekommen. Robert hörte Tims Papa im Hintergrund schreien.)

Ein unbeschreibliche Schock durchfuhr uns, aufstehen, anziehen - alles in völliger Unfassbarkeit. Robert versuchte inzwischen mit der Kasseler Polizei Kontakt aufzunehmen. Man gab ihm keine Auskunft über seine Schwester. Frank übernahm dann das Telefongespräch. Ich lief in dieser Zeit ständig nur durch die Wohnung, zur Toilette, ins Wohnzimmer - Herzrasen, wahnsinnige Unruhe in der Magengegend. Frank muss während des Gesprächs gesagt bekommen haben, dass zwei Beamte zu uns auf den Weg seien. Er hatte zu dem Zeitpunkt schon die schlimmsten Befürchtungen, mich ließ er noch in der Hoffnung, dass Sandra lebt. (Noch immer bekomme ich Herzrasen und die Unruhe im Bauch - immer wieder, wenn ich davon schreibe oder erzähle)

4.30 Uhr trafen die Beamten ein. Sie forderten uns auf, uns hin zu setzen. Bei mir setzte wohl an dieser Stelle alles aus. Ich erinnere mich noch, dass ich fragte, ob unsere Tochter tot sei und sie bejahten dieses. Ich weiß heute nicht mehr, was dann alles noch kam, ob sie noch irgendwas gesagt haben - darüber habe ich keine Erinnerung. Ich weiß nur noch, dass Frank einen Arzt verlangt hat. Irgendwann war  dann wohl auch der ASB da - auch darüber keine Erinnerung, die zogen wohl unverrichteter Dinge wieder ab. Medikamente oder so was hatten wir nicht bekommen.

Wir waren allein, jeder für sich - Frank - Robert und ich. Niemand da, der uns hätte helfen können - niemand da, der uns half. Ein unbeschreibliches Loch tat sich auf - wir sind nur noch gefallen. Ich kann mich nicht mal erinnern, ob ich irgendetwas gedacht oder gesagt habe - es ist alles gelöscht. Ich weiß noch, dass Robert im Sessel saß, mehr nicht. Gegen 7.00 Uhr stand ich auf (Das hab ich anhand der Telefonrechnung später recherchieren können). Ich sah Licht bei meiner Schulleiterin, die unweit von uns wohnt und uns sehr nah stand. Ich wählte ihre Nummer und sagte nur: "R. ich brauch Hilfe!" Meine Stimme sagte ihr wohl, das fürchterliches passiert war, außerdem hatte sie bereits im Radio von dem Unfall gehört. Sie fragte nur noch: "Welches Kind?" - sie vermutete Robert, weil er zu dieser Zeit schon den Führerschein hatte. Als ich ihr antwortete, dass es Sandra sei , hörte ich im Hörer ein tiefes Entsetzen. Ihre Sandra! Sandra - sie begleitete R. in den letzten drei Jahren in den Urlaub. Sie standen sich so nah. Ich bat sie noch, Frau W., unsere Pastorin, die ich von den Schulgottesdiensten schätzen gelernt hatte, mit zu bringen.

R. kam sofort. Sie rief den Arzt der Gemeinde an und saß einfach erstmal nur bei uns und nahm uns in den Arm. Ich begriff ganz langsam, dass wir schwere Aufgaben vor uns hatten. Die Oma war im Haus, wir wussten nicht, wie sie das verkraften würde. Christoph schlief noch und musste von einem von uns geweckt werden. Meine Eltern mussten benachrichtigt werden.

Und was tun wir nun? Wir wussten nichts - hatten von nichts Ahnung.

Wir wollten unser Kind sehen, wir wollten zu unserem Kind und konnten nicht (und jetzt setzen die "Behörden" ein) - der Totenschein war nicht unterschrieben. Sandra und Tim lagen in Kassel in der Kälte auf dem Hauptfriedhof und nicht in ihren kuscheligen Betten. Entsetzen, Unfassbarkeit, Traurigkeit und ein riesiger Schmerz machten sich in uns breit.

Erst am Montag dem 23.12. am späten Nachmittag war Sandra beim Bestatter. Eine völlig verworrene Situation führte dann noch dazu, dass der Bestatter uns abriet, Sandra noch mal zu sehen. Als ich begriff, was uns da entgangen war - als ich begriff, dass ich Sandra nicht noch einmal gespürt hatte, ihren Tod nicht be"griffen" hatte, war es zu spät. Menschen, die uns gern hatten und genau so wenig Erfahrung wie wir, meinten es wäre besser sie so in Erinnerung zu behalten, wie sie gegangen ist. Sie alle konnten es nicht ahnen, dass ich damit so schwer zu tun habe würde. Es hätte uns nur jemand wirklich helfen können, der selbst in dieser Situation war. All das haben wir erst viel zu spät verstanden.

Sandra ist uns wirklich entrissen wurden.

Am Heiligabend ist Sandra ausgesegnet worden (schon im Sarg in der Kapelle). Darüber bin ich sehr froh. Zwei Stunden später konnten wir uns von Timo verabschieden. Ich habe ihn berührt, ihm über die Hand gestreichelt, mit seinen Eltern geweint.  Am Abend kamen ganz viele Freunde, vor allem auch Jugendliche, die einfach da waren für uns. So konnten wir diese Heilige Nacht "überstehen".

Ich erinnere mich noch, dass eines Abends zwei Kolleginnen vor der Tür standen und eine komplette Mahlzeit mit brachten. Sie wussten, dass die normalen, alltäglichen Dinge von mir nicht mehr zu bewältigen waren. Vor allem Essen gehörte zu den Dingen auf die ich völlig verzichten konnte. Wie kann ich essen, wenn mein Kind nichts mehr kann?

Erstaunlich war, dass wir in dieser Zeit noch irgendwie funktioniert haben. Ich wundere mich immer noch darüber, dass wir nicht einfach umgefallen sind. Wo kommt diese Kraft her?

Wir fuhren zu Tims Eltern, lernten uns kennen (unsere Kinder hatten eigentlich ein Treffen fürs neue Jahr arrangiert). Wir organisierten mit Hilfe vieler, die uns zur Seite standen die Trauerfeier, besorgten Kleidung. Kann sich jemand vorstellen wie es ist, am 27.Dezember, wenn alle Welt sich freudig in der Stadt tummelt, Kleidung für eine Trauerfeier zu kaufen? Die Zeit war völlig unwirklich! 

Am 28. Dezember fand bei uns in der Gemeinde in der Katholischen Kirche die Trauerfeier statt. Unser schwerster Gang, vorbei an vielen, vielen Menschen. Seit dem Unfall regnete es fast unaufhörlich, an diesem Tag auch besonders stark. DER HIMMEL WEINTE. Ich sehe noch die Bilder vor mir, wie Christoph das erste mal vor Sandras Sarg bitterlich weinte. Meine großen Männer tief gebrochen in gebeugter Haltung und doch reichte mir Frank immer wieder seinen Arm. Robert hatte über Nacht eingefallene Gesichtszüge bekommen. Er tat mir unendlich leid. Die Leichtigkeit der Jugend gab es für unsere Söhne nicht mehr. Menschen über Menschen zeigten uns, wie sehr sie Anteil nahmen, wie weh ihnen das alles tat. 

Die Jungen wurden in dieser Zeit ganz viel von Freunden aufgefangen. Trotzdem Christoph vier Jahre jünger ist als Robert, bezogen ihn die Großen doch mit ein, nahmen ihn mit und gaben so beiden Jungen Halt. Wie großartig können Jugendliche sein!

Am 30. Dezember  wurde  Tim beigesetzt. Wieder so viele Menschen. Martina und Rainer und Tobias standen vor dem Grab ihres geliebten Tim. In ihren Gesichtern spiegelte sich die gleiche Tragödie ab, wie bei uns. So standen wir beieinander und statt über die Zukunft unserer Kinder zu reden, trauerten wir um ihr kurzes Leben und ihre kurze Zeit miteinander.

Frank wurde über all dem krank. Der Arzt stellte Herzrhythmusstörungen fest. Einen Tag lang Herzklinik mit dem Ergebnis, dass sein Herz gesund ist. In der gleichen Nacht ist er noch zusammengebrochen und bewusstlos geworden. Meine Panik nun auch noch Frank zu verlieren war kaum noch zu bremsen. Bis heute muss er Medikamente nehmen, es ist nicht in den Griff zu bekommen.

Am 11. Januar ist Sandra beigesetzt wurden. Oft werde ich gefragt, warum wir keine Erdbestattung gemacht haben. Manchmal komme ich selbst ins Zweifeln. Sandra hatte sich mal mit einer lieben Nachbarin übers Sterben und das Danach unterhalten. Sie hatte ihr gesagt, dass sie mal verbrannt werden wollte. Als wir die Entscheidung darüber treffen mussten, spielte das eine große Rolle. Außerdem konnte ich die Vorstellung nicht ertragen, sie mit ihrem zerschmetterten Gesicht im Grab liegen zu sehen. Oft muss ich mir zur eigenen Beruhigung sagen: "Es ist nur die Hülle - es nur die Hülle!" Ihrer Seele konnte ich nicht mehr weh tun. Und trotzdem fühle ich mich bis heute schlecht, wenn ich darüber nachdenke.

Irgendwie ist dann das erste Jahr vergangen. Vieles weiß ich nicht mehr davon. Ich habe viele Menschen kennen gelernt, die auch ein Kind verloren haben. Aber letztendlich bleibt jeder in seinem Trauerweg allein.

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