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 Verletzung von Menschenrechten im Straßenverkehr

Ursachen:

1. Alkohol
2. Benutzung falsche
Fahrbahnseite
3. Verstoß gegen das Rechtsfahrgebot
4. Nicht angepasste Geschwindigkeit
5. Ungenügender Sicherheitsabstand
6. Missachtung der Vorfahrt
7. Missachtung von Lichtsignalanlagen
8. Missachtung der Verkehrsregelung
9. ...
 
Alkoholunfälle im Straßenverkehr 2002
 
Zahl:  62873 Unfälle
davon:   932 Getötete
 
Jeder 7. Unfalltote  stirbt an den Folgen eines Alkoholunfalls

Alkoholunfälle sind

- überdurchschnittlich schwer,

- im Wesentlichen  Nachtunfälle,

- vorwiegend  Wochenendunfälle,

- hauptsächlich von Männern verursacht und

- überproportional häufig  Unfälle junger Verkehrs-teilnehmer

 

Quelle: B.A.D.S
 

Nichtangepasste Geschwindigkeit

 
Warum rasen Menschen
im Straßenverkehr?
Eine TÜV- Studie
sammelte Antworten:
 
"Es ist wie ein Rausch...
schließlich meine ich, dass ich der Schnellste
und Größte bin"

 

" Am liebsten hätte ich ... eine Kanone auf dem
Dach, um LKW`s  und
Stauverursacher abzu-
schießen"
 
Quelle: FAKT
 

 
Verein für
Verkehrsunfallopfer
 
 
 
 
 
 
 
 

Was war passiert? Wie konnte so etwas jemals geschehen? Wieso Sandra?

Sandras Tod ist für mich bis zum heutigen Tage mit Gedanken verbunden, die alles andere als tröstlich sind. In ihren letzten Lebensminuten muss sie Todesängste ausgestanden haben. Sandra ist nie gern schnell Auto gefahren, hat sehr schnell über Übelkeit geklagt und gebrochen.

Alles, was ich hier beschreibe beruht auf Erzählungen von Sandras Freundin Tanja, die den Unfall überlebt hat und Zeugenaussagen.

21.Dezember 2002

Sandra und Tanja fuhren mit unserem Robert, Sandras Bruder, in die Stadt. Auf dem Weg dahin holten sie noch ihren Freund Tim ab.

Sandra wusste wohl, dass der Fahrer T. an dem Abend dort sein würde. Sie hatte mit Timo, dem dritten Jugendlichen, der bei dem Unfall verstarb, vor dem Abend noch telefoniert und von ihm erfahren, dass er mit dem T. zusammen kommen würde.

Bevor sie sich von uns verabschiedete, sagte sie noch, dass sie nicht mit dem T. nach Hause fahren würde, der fahre wie ein Kamikaze. Sie hatte schon schlechte Erfahrungen mit ihm gemacht. Es war abgemacht, dass sie wie immer mit Bahn, Bus und Anrufsammeltaxi nach Hause kommt - wie schon so oft und auch immer zuverlässig. Wir hatten daran auch keinerlei Zweifel. Ich bin fest davon überzeugt, dass der Fahrer sie nur ins Auto bekommen hat, weil er ihr vorher versicherte, dass er ordentlich fährt.

Gegen 21.oo Uhr waren die drei in der Disco "Almrausch". Robert fuhr weiter zu seinen Freunden. An diesem Samstag, wie so oft eine "Spezialität" des Hauses - gab es drei alkoholische Getränke zu einem Preis. Nach 22.00 Uhr erschien der T. mit Timo und sie setzten sich zu den dreien an den Tisch. Zu Timo hatte Sandra ein sehr herzliches Verhältnis, was ich zu dem anderen nicht sagen kann. Ich habe von dem Fahrer nicht mal eine Telefonnummer in Sandras Sachen gefunden, er kann also nicht unbedingt ein Vertrauter gewesen sein.

Von Sandras Freundin ist mir bekannt (und so kenne ich unsere Tochter auch), dass sie nicht den ganzen Abend am Tisch gesessen und beobachtet hat, was wer trinkt. Sie hat sich amüsiert, getanzt, geschwatzt - einfach das, was junge Mädchen so machen. Außerdem war sie mit Tim zusammen und für beide war es ein ganz glücklicher Abend. Sandra hat an dem Abend auch von dem "Spezialitätenangebot" der Disco Gebrauch gemacht, dass heißt, sie hat drei alkoholische Getränke zu sich genommen, die sie zu Beginn des Abends bestellt hatten. Ebenso Tim und Tanja. Ihre Geldbörse, die wir noch wieder bekamen, ließ auch nur diesen Schluss zu.

Hier erhebt sich für mich schon die Frage, in wie weit eine Disco in die Pflicht zu nehmen wäre, denn sie haben an 16-Jährige Alkopops ausgeschenkt. (Zum Prozess wird natürlich ganz anderes erzählt!). Vielleicht mag es für manchen Leser befremdlich sein, aber Sandra hat nichts anderes gemacht, als andere Jugendliche auch in Bezug auf das Trinken von Alkohol. Und wer nicht völlig lebensfremd ist, weiß auch , dass Jugendliche zur Disco solche Sachen trinken. Sicherlich ist es auch schwierig für einen Discobetreiber zu kontrollieren, wer da was trinkt (Ältere kaufen für Jüngere). Also eine zwiespältige Angelegenheit. Was absolut nicht zu verstehen ist, ist die Preispolitik der Disco, denn diese halte ich für mehr als bedenklich!

Das der Fahrer in solch einem hohen alkoholisierten Zustand war, war für Sandra auf Grund des Ablaufes des Abends nicht möglich zu erkennen. Er hat sie (Sandra, Tim und Tanja) abgehalten vom normalen Verlassen einer Diskothek, mit dem Angebot, sie zum Bus zu fahren. Die Kinder waren schon am Diskotheken-Ausgang. Da sie nicht über den hohen Alkoholkonsum des Täters Bescheid wussten und keine Anzeichen von Trunkenheit zu sehen waren (weder Lallen, noch Torkeln oder Schwanken), haben sie das Angebot angenommen. Der bei Gericht anerkannte Blutalkoholspiegel lag bei 2,03 Promille. Zum Zeitpunkt des Unfalls war er bei 2,33 Promille.

Nachdem alle fünf im Auto saßen, drehte der T. die Anlage voll auf, was ein ohrenbetäubender Lärm vor allem für die hinten Sitzenden gewesen sein muss. An dieser Stelle muss es  zu einem ersten Streit gekommen sein, weil Tanja Kopfschmerzen hatte und wollte, dass er die Musik leiser macht. Auf Grund dessen wollten die drei hinten eigentlich wieder aussteigen. Tanja ist sich ganz sicher, das an der Stelle der Satz gefallen war: "Hier kommt keiner mehr raus!" Sandra und Tim sollen sich noch ziemlich zu Beginn der Fahrt einen Kuss gegeben haben, was vielleicht der Auslöser dieser Wahnsinnsfahrt war. Jedenfalls soll der T. ab diesem Zeitpunkt nicht mehr ansprechbar gewesen sein.

Der T. ist dann wie ein Irrer gefahren, hat die Gewalt ca. 500 Meter vor dem eigentlichen Unfall, an der so genannten Trompete beim Linksabbiegen schon mal über sein Fahrzeug verloren. Sein Heck brach aus. Er hat trotz Drängen und Schreien der Kinder nicht aufgehört zu rasen und hat auch ihrem Flehen nicht nachgegeben, sie aussteigen zu lassen. Er ist mit ca. 95 km/h durch Kassels Innenstadt gerast. Zeugen ,die er überholt hat, haben deutlich gespürt, dass da etwas passieren muss. Die Hinteren hat es beim Überholen sichtbar hin und her geschleudert. Sein Fahrstil wurde als überaus aggressiv beschrieben (ich dachte immer Alkoholisierte fahren Schlangenlinien). Es hielt sein Auto in der Spur, wechselte abrupt und zackig die Fahrbahn. Eine Zeugin sagte später, sie dachte, als er sie überholt hatte und wieder einscherte, "Jetzt kracht's gleich!" . Sie hatte nackte Angst!

In einer lang gestreckten Kurve hat er dann endgültig die Gewalt über sein Fahrzeug verloren. Sein Fahrzeug stieß gegen eine Bordsteinkante, hob danach ab und "flog" gegen den Baum. Dort prallte er mit der hinteren linken Ecke an. Der gesamte hintere linke Bereich bohrte sich in das Auto hinein. An dieser Stelle saß Sandra! Tim saß in der Mitte. Am Ende blieb von der hinteren Sitzbank nur noch eine Breite von einem Sitz übrig. Sandra und Tim hielten sich bis zum Schluss an der Hand!

Tanja hatte es hinaus geschleudert. Sandras schwerste Verletzungen lagen im Gesicht. Rettungsassistenten, Feuerwehrleute, Polizisten - immer höre ich das Gleiche: "So etwas hätten sie noch nicht gesehen!" Sandra und Tim starben offiziell an einem Genickbruch. Es ist nicht mehr untersucht wurden, was noch alles verletzt war. Timo wurde an der Unfallstelle reanimiert, starb aber drei Stunden später im Krankenhaus an seinen schweren innerlichen Verletzungen. Tanja überlebte schwer verletzt mit einem schweren Oberschenkelknochenbruch, Verletzungen im Gesicht und traumatischen Psychosen.

Der T. hatte eine Gehirnerschütterung, ein paar blaue Flecken und ein Schleudertrauma. Er konnte unmittelbar nach dem Unfall mit seinem Vater telefonieren, der dann auch ganz schnell an der Unfallstelle war. Der T. war drei oder vier Tage im Krankenhaus, ganze vier mal in psychologischer Betreuung (unmittelbar nach dem Unfall) und ansonsten geht es ihm ganz gut.

Für mich ist das eine unbeschreibliche Qual, was er unserem Kind in seinen letzten Lebensminuten angetan hat.

 

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