Danach heute

Danach heute

14. März 2019

Egal wie viele Jahre, Tage, Stunden uns trennen, im Herzen lebt mein Kind in mir und es gibt keinen Tag ohne Gedanken an sie. Es ist kein Festhalten, oft wird ja der tolle Spruch gesagt „du musst es loslassen“, es ist ein Erinnern, ein Lieben, ein Herzschmerz – es ist etwas Unvergängliches und auch Gewolltes. Eigentlich ist es eine ewige Suche nach ihr. Worin finde ich sie? Wo ist sie gerade? Nur wer es erlebt hat, kann es fühlen.

20.12.2018

    
Die Zeit heilt nicht alle Wunden. Sie lehrt uns nur, mit dem Unbegreiflichen zu leben.

 

Sandras Todestag jährt sich zum sechzehnten Mal. Das sind 5845 Tag, fast genauso lang, wie sie gelebt hat. Und an jedem dieser Tage habe ich an sie gedacht, habe ich sie vermisst, habe ich mich unserer gemeinsamen Zeit erinnert. Es gibt jeden Tag unzählige Dinge, die eine Erinnern hervor rufen können: Autonummern, Uhrzeiten, geflochtene Mädchenzöpfe, Lieder, Bilder, Familie, Sätze, Nachrichten …                        Irgendwie ist alles miteinander verflochte, wie ein Teppich. Sie gehört heute genauso dazu wie vor dem furchtbaren Unfall – still und leise.

Kürzlich fragte mich jemand, ob ich dem Fahrer verziehen hätte. Nein, so würde ich das nicht nennen. Ich denke, dass ich es bewusst verdränge und versuche zu „deckeln“, um nicht zu hassen. Vergessen kann ich es nicht. „Er“ ist noch da und schießt immer noch ab und zu durch den Kopf. Vielleicht würde ein Gespräch helfen, dass ich das Wort „verzeihen“ aussprechen kann. Das fehlt, schon seit 16 Jahren. Ehrliche und persönliche Worte des Bedauerns. Diese fehlen absolut!


19.12.2018

Beim Aufgang der Sonne und bei ihrem Untergang

erinnern wir uns an sie.

Beim Wehen des Windes und der Kälte des Winters

erinnern wir uns an sie.

Beim Öffnen der Knospen und in der Wärme des Sommers

erinnern wir uns an sie.

Beim Rauschen der Blätter und in der Schönheit des Herbstes

erinnern wir uns an sie.

Zu Beginn des Jahres und wenn es zu Ende geht,

erinnern wir uns an sie.

Wenn wir müde sind und Kraft brauchen,

erinnern wir uns an sie.

Wenn wir verloren sind und krank in unserem Herzen,

erinnern wir uns an sie.

Wenn wir Freude erleben, die wir so gerne teilen würden,

erinnern wir uns an sie.

So lange wir leben, werden auch sie leben,

denn sie sind nun ein Teil von uns,

wenn wir uns an sie erinnern.

(aus einem jüdischen Gebetsbuch)


9.12.2018 Der zweite Adventssonntag im Jahr ist für viele ein Gedenktag für ihr verstorbenes Kind. Nicht das sie nicht jeden Tag daran denken würden, aber an diesem Tag gibt es überall Gedenkgottesdienste und andere Gedenkveranstaltungen. Jedes Jahr treffen sich Eltern, Geschwister, Freunde und Verwandte, zünden Kerzen an und gedenken ihrer Kinder, die viel zu früh aus dem Leben gegangen sind. Ich war jedes Jahr dabei.

Es tut mir gut, eine Kerze für mein Kind anzünden zu können, ihren Namen ausgesprochen und Gedichte und Lieder zu hören, die von der Trauer und dem Weg erzählen, den alle durchwandern müssen, die dieses Schicksal erleiden.

Und doch fühlt sich der Gedenkgottesdienst für mich auch falsch an. Ich glaube nicht an einen Gott. Es mag sein, dass es etwas gibt, dass alles zusammenhält. Aber für mich ist es kein Gott. So fällt es mir schwer, den Worten des Pfarrers zu folgen, seinen Bogen zu Jesus nachzuvollziehen.

Ein betroffener Vater hat für seine beiden Söhne Lieder gesungen, die er in seiner Trauerzeit geschrieben hat. Diese sprachen mich sehr an. Sie erzählten von seinen Kindern, seiner Freude und seinem Leid, seinem Halleluja. Die kirchlichen Lieder kann ich nicht singen. Ich finde mich darin nicht wieder.

So beobachte ich das Kerzenflackern, wandere in Gedanken zu meinem Kind und tröste mich mich mit dem Gedanken, dass diese Stunde nur unseren Kindern gehört. Viele Eltern, die heute dabei waren kenne ich von den Gruppentreffen der Verwaisten Eltern. Tränen fließen. Für alle ist diese Stunde sehr wichtig.

Wenn ich es anders haben will, muss ich etwas anderes anstoßen. Und es bleibt mir auch die Möglichkeit, nicht zum Gedenkgottesdienst zu gehen. Das steht mir frei, ich muss es selbst entscheiden. Ich verschiebe es auf das nächste Jahr.

Es sind nur noch wenige Tage bis zur längsten Nacht des Jahres. Es wird Sandras 16. Todestag sein. Sie hat dann genauso viele Jahre gelebt, wie nicht mehr gelebt. Es bleibt das Unbegreifliche